Themen

Rezepte (126) Mode (91) Musik (46) Reisen (37) Sport (19) Fotos (17)

Donnerstag, 11. August 2016

Les princesses ont des poils

Ich lebe in einer kleinen Stadt mit 8.000 Einwohnern. Ich bin in einer stabilen Familie aufgewachsen. Meine Mutter vertritt ihre Meinung in jeder Situation sehr selbstbewusst und mein Vater liebt sie von Herzen und behandelt sie sehr gut. Meine Eltern lieben mich. Sie haben mir immer viel Freiraum gelassen. Sie haben mich zu einer selbstständig denkenden Frau erzogen und stets respektvoll behandelt. Mein Freund liebt mich über alles. Wir sehen einander als gleichberechtigt an. In jeder Hinsicht. 
Obwohl ich also auf den ersten Blick wirklich nichts zu beklagen habe, gibt es selbst in meinem so behüteten Leben einige Dinge die nicht sein sollten. Selbst in meiner kleinen spießigen deutschen Heimatstadt und in meinem Umkreis gibt es zu viele Frauen die in irgendeiner Weise unterdrückt, geschlagen oder vergewaltigt werden. Dass Frauen selbst hier in Deutschland noch lange nicht gleichberechtigt sind oder die gleichen Chancen haben zeigt sich aber nicht bloß in solchen Extremfällen, sondern auch im alltäglichen Leben. Meine Tante zum Beispiel ist geschäftlich auf eine Information angewiesen. Um diese zu bekommen, küsst sie jeden Tag einen alten dicken Geschäftsmann auf beide Wangen, damit er es ihr verrät, obwohl sie sich eigentlich vor ihm ekelt. Ich habe viele gute männliche Freunde, die mit mir über alles reden. Sie alle haben ein sehr abwechslungsreiches  Sexualleben. Damit habe ich grundsätzlich überhaupt kein Problem. Wenn beide Parteien wissen wobei es sich bei solch einer Begegnung handelt und wobei eben nicht, finde ich das sogar sehr gut. Weshalb soll man seine Triebe nicht ausleben? Was mich jedoch daran ärgert ist, dass dasselbe absolut nicht für Mädchen gilt. Jungs dürfen jeden Abend andere Sexualpartner haben. Das wurde schon immer (zumindest in meiner Gegend und zu meiner Lebenszeit) als normal angesehen. Wenn eine Frau jedoch  nur mit zwei unterschiedlichen Männer in einer Woche schläft, weiß das am Tag darauf die gesamte Region. Frauen werden so schnell als Schlampen abgestempelt, dabei tun das Männer viele Jahre über und viel exzessiver.
Dass Männer wesentlich mehr gesellschaftliche Freiheit besitzen zeigt sich auch beim Thema Körperbehaarung. Vor einigen Tagen habe ich die Kampagne von der jungen Französin Adele Labo entdeckt. Sie hat Frauen dazu aufgerufen unter dem Hashtag "lesprincessesontdespoils" oder "princesseshavehair" Fotos von ihren Bein- oder Achselhaaren zu veröffentlichen, um zu zeigen dass sie zu ihrer Körperbehaarung stehen und dass diese durchaus auch bei Frauen ästhetisch sein kann. Mit dieser Aktion sollen gender taboos gebrochen werden. Überall auf der Welt folgen Frauen dem Aufruf und viele viele haarige Fotos werden in den sozialen Medien wie Twitter, Facebook, Tumblr und Instagram veröffentlicht.
Als ich meinem Freund davon erzählt habe dass ich dort mitmachen möchte, hat er sich meiner Meinung nach unverhältnismäßig darüber aufgeregt, dass ich mich jetzt erst einmal nicht mehr rasieren werde. Eines seiner Argumente war dass es wesentlich schlimmere Dinge gibt über die man sich aufregen sollte. Das sehe ich ein. Massentierhaltung, den IS... Allerdings denke ich nur weil es auf der Welt schlimmere Probleme gibt, ist diese ungleiche Behandlung nicht kein Problem. Man sollte sich in allen Bereichen des Lebens engagieren bzw. mit allen Gegebenheiten kritisch auseinandersetzen. Es ist wichtig zu versuchen auch das alltägliche Leben etwas zu verbessern. Wir können nicht von heute auf morgen die Welt retten und alle großen Krisen beenden, auch wenn ich das wirklich gerne würde. Aber wir können im Kleinen anfangen die Welt ein bisschen besser zu machen bzw. in diesem Fall ein bisschen gerechter und offener.
Außerdem hat mein Freund kritisiert dass es sich hier nur um Selbstdarstellung handeln würde und nicht um eine handfeste Diskussion. Auch darin gebe ich ihm nicht vollkommen Unrecht. Allerdings ist diese Kampagne eben medienwirksam. Wie soll man bitte auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam machen, wenn man nur trocken und rational erläutert weshalb es anders besser wäre. Ich glaube nicht, dass sich dann so viele Menschen tatsächlich damit beschäftigen würden. Dennoch habe ich mich daher dazu entschlossen nicht einfach stumpf ein paar behaarte Fotos zu teilen, sondern auch zu erläutern weshalb ich das tue. Ich möchte zwar einerseits natürlich medienwirksam sein, aber andererseits trotzdem einigermaßen seriös bleiben.
Ich finde es sehr schade, dass selbst mein Lebenspartner, der mich mit Sicherheit über alles liebt so ein Problem damit hat wie meine Beine aussehen. Als würde es meine Persönlichkeit beeinflussen ob meine Beine rasiert sind oder nicht. Ich möchte dass die Leute mich für meine Persönlichkeit mögen, nicht für mein Aussehen.
Körperbehaarung ist keinesfalls unhygienisch. Natürlich können Haare verfilzen, verdrecken etc., wenn man sie nicht pflegt. Wenn man allerdings eine halbwegs regelmäßige Körperhygiene pflegt, passiert das nicht. Natürlich, wenn man allgemein sehr schmutzig ist und sich nicht wäscht, sind auch die Körperhaare schmutzig. Dieser Dreck steht aber deswegen ja nicht in einer direkten Beziehung zu den Haaren. Wenn man sich nicht wäscht, ist man überall dreckig, entwickelt Geruch etc.. Ob man Körperhaare hat oder nicht. Und wenn man regelmäßig duscht, verkommen natürlich auch die Körperhaare nicht. 
Körperbehaarung ist praktisch gesehen sehr sinnvoll. Sie unterstützt die Temperaturregulation unserer Haut und schützt empfindliche Stellen z.B. vor Reibung. Außerdem hält sie Parasiten fern. Kahl rasierte Haut ist wesentlich attraktiver für Tierchen wie Zecken, Mücken, Bremsen, Wanzen, Flöhe... Sollte denn doch mal ein solcher Parasit auf uns landen, braucht er auf einem behaarten Körper wesentlich länger bis er eine geeignete Stelle gefunden hat, um sich dort festzusetzen. Das bedeutet wir haben mehr Zeit ihn zu entdecken, da er sich erst durch unsere Haare kämpfen muss. Zudem spüren wir kleine Bewegungen durch unsere Behaarung eher und werden daher eher auf ungewollte Tierchen, die über unsere Haut laufen, aufmerksam. Diese Sensibilisierung der Haut funktioniert u.a. auch durch die Vergrößerung ihrer Oberfläche. Das ist nicht nur praktisch um Parasiten etc. schneller zu bemerken, sondern es verstärkt in bestimmten Regionen auch erotische Reize (taktile Reize).
Rasuren nehmen viel Zeit in Anspruch. Es geht mir hier nicht darum dass man jedes bisschen an Zeit effektiv nutzen sollte. Ich finde nicht dass jeder Mensch sein gesamtes Leben nur auf Erfolg ausrichten muss. Man sollte sich auch Zeit für sich nehmen. Dabei denke ich jedoch nicht daran sich zu rasieren, sondern eher sich auszuruhen, kreativ tätig zu sein, Sport zu machen, sich mit Freunden zu treffen etc.. Ich persönlich entwickle Stoppeln innerhalb eines Tages. Möchte ich also eine glatte Haut haben, muss ich mich jeden Tag rasieren oder zumindest jeden zweiten Tag, denn ab dem zweiten Tag werden die schwarzen Stoppeln auch deutlich sichtbar. Ich finde es wesentlich unattraktiver borstige Stoppeln zu haben als eine gesunde Körperbehaarung und viele meiner Freunde stimmen mir in diesem Punkt zu.  Um mich gründlich an den Beinen, unter den Achseln und im Intimbereich zu rasieren brauche ich mindestens eine Viertelstunde. Ich habe jedoch beschlossen dass ich das nicht mehr möchte. Ich möchte nicht mehr jeden Tag eine Viertelstunde in so etwas Unnötiges wie eine Rasur investieren müssen.
Außerdem reizen Rasuren die Haut. An den Beinen und unter den Achseln hält sich das noch in Grenzen, doch insbesondere im Schambereich ist unsere Haut sehr empfindlich. Auch wenn ich mich über Monate täglich rasiere, ist meine Haut nach jeder Rasur dort gerötet. Oft schneide ich mich oft und bekomme Pickel, selbst wenn ich mich nach der Rasur mit einer Pflegesalbe einkreme. Abgesehen davon juckt meine Haut kurz darauf. Vor allem wenn sie dann an meiner Unterwäsche reibt. Ich spreche hier aus persönlichen Erfahrungen, doch dabei bin ich nicht die Einzige. Ich habe mich mittlerweile mit vielen weiblichen Familienmitgliedern und mit vielen Freundinnen darüber unterhalten. Ihnen geht es genauso.
Als ich mit meinem Freund darüber gesprochen habe, bezeichnete er es als "menschlich" Behaarung als ekelerregend zu empfinden. Das sehe ich absolut anders. Haare sind etwas vollkommen Hygienisches, Praktisches und allem voraus Natürliches. Jedem gesunden Menschen wachsen Haare an den Beinen, unter den Achseln und im Intimbereich. Weshalb müssen wir das leugnen? Vor allem im Schambereich finde ich es höchst unnatürlich, dass so viele Leute erwarten, dass man kahl rasiert ist. Wir entwickeln Schamhaare ab einem Alter von ungefähr 10 Jahren. Wenn ich mich komplett blank rasiere sehe ich wieder so aus wie ich auf natürliche Weise im Alter von 9 Jahren ausgesehen habe. Behaarung ist ein natürliches Zeichen von Reife. Es ist doch schon krankhaft, dass so viele Menschen unserer Generation sexuell davon angezogen werden, wenn vor allem Frauen noch so aussehen wie 9-jährige Mädchen. Ist das nicht in gewisser Weise pädophil?
Es ist faszinierend wie sehr wir von der Gesellschaft in der wir leben beeinflusst werden bzw. wie sehr wir doch das Schönheitsideal dass uns die Medien etc. vermitteln verinnerlicht haben. Ich selbst bilde in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Auch ich kann durchaus nachempfinden, dass glatte lange Beine attraktiv wirken. Und das liegt definitiv an den Vorstellungen der Gesellschaft in der ich aufgewachsen bin und an den Bildern von erfolgreichen Frauen, die mir tagtäglich begegnen. Doch wenn ich wirklich darüber nachdenke weiß ich, dass das nicht natürlich ist. Frauen müssen nicht immer vollbusig, gertenschlank und komplett haarlos sein. So viele Frauen investieren so viel Zeit und Mühe, um diesem falschen Schönheitsideal hinterher zu eifern. Das ist nicht gesund. Beispielsweise setzen Frauen auch von Natur aus in der Pubertät Bauch- und Hüftspeck an. Das hat ganz praktische Gründe und ist wesentlich gesünder als die abgemagerten Figuren von Models und Promis. Im Falle einer Krankheit kommt unser Körper damit wesentlich besser klar, wenn er in Maßen Reserven angelegt hat. Und genauso natürlich und gesund ist es Körperhaare zu besitzen. Dennoch bekommen so viele Mädchen und Frauen Komplexe, wenn sie es nicht schaffen sich an dieses Schönheitsideal anzupassen. Das ist nicht richtig.
Ich fordere nicht, dass niemand sich jemals mehr rasiert. Es ist absolut in Ordnung sich z.B. im Sommer, wenn man ins Schwimmbad geht, die Ränder der Bikinizone zu rasieren, damit dort nichts rausguckt oder sich die Achsel- oder Schamhaare etwas zu stutzen, damit sie z.B. nicht in der Kleidung hängen bleiben oder ziepen. Es ist auch vollkommen ok, wenn Menschen was Körperbehaarung angeht gewisse Vorlieben haben, genauso wie es unterschiedliche Geschmäcker in Sachen Mode oder Frisuren etc. gibt. Es ist schön wenn Menschen individuell sind und individuell aussehen möchten. Wenn jemand sich bestimmte Muster oder Figuren in die Schambehaarung rasieren möchte, soll er das tun, wenn ihm das gefällt. Ich möchte keinem Individuum verbieten sich zu rasieren, wenn es das schön findet. Aber in der Realität ist es eben nicht so, dass die Rasur eine Frage des persönlichen Geschmacks ist. Wir sind nicht individuell und kreativ. Das Problem ist nicht dass sich jemand gerne kahl rasiert, sondern dass es sehr sehr viele Mädchen und Frauen gibt, die das eigentlich nicht möchten, aber sich verpflichtet sehen es zu tun. Eine meiner besten Freundinnen zum Beispiel hat mir erzählt, dass sie auch immer Pickel etc. bekommt und es hasst sich zu rasieren. Sie tut es jedoch, da sie weiß, dass sie, würde sie es nicht tun und mit einem Jungen schlafen, von diesem sofort als schmuddelig abgestempelt werden würde und sich diese Information (dass sie sich nicht rasiert) auch innerhalb kürzester Zeit als Skandal verbreiten würde. Eine andere Freundin hat sich nie im Intimbereich komplett kahl rasiert, sondern immer nur im Sommer die Ränder abrasiert, da sie das aufwendig und auch unangenehm findet. Seitdem sie jedoch einen festen Freund hat, rasiert sie sich ihm zuliebe blank. Ich selbst bin nicht anders. Es belastet mich, dass mein Freund mich abstoßend findet.  Meine gesamte Schulzeit über habe ich mich jeden Tag rasiert und bin dafür sogar früher aufgestanden oder zu spät in die Schule gekommen, wenn ich noch nicht rasiert war. Das lag keinesfalls daran dass ich selbst ein Problem mit meinen Haaren gehabt hätte. Sie gehören zu mir. Es lag nur daran, dass ich wusste, dass ich sonst zu 100% von meinen Mitschülern angesprochen worden wäre warum ich denn Stoppeln hätte. Ich hätte auf jeden Fall dumme Kommentare bekommen und hätte ich mich öfter nicht rasiert, wäre ich als dreckig abgestempelt wurden und hätte es wesentlich schwieriger gehabt akzeptiert zu werden. Dabei ist es keinesfalls dreckig. Trotzdem wird man so behandelt als hätte man sich eine Woche lang nicht gewaschen oder in die Hose gemacht. Ich hatte damals einfach nicht das Selbstbewusstsein dafür. Es ist sehr schade, dass wir so unter Druck gesetzt werden und dass insbesondere von Frauen erwartet wird dass sie sich immer und überall perfekt rasieren. Ich möchte, dass wir die freie Wahl haben ob wir uns überhaupt rasieren möchten, wie regelmäßig wir das tun möchten und wo überall.
Deswegen nehme auch ich an der Kampagne teil. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass Haare nicht unweiblich sind und auch durchaus gepflegt sehr ästhetisch sein können. Ich möchte zeigen dass ich mich nicht länger dafür schäme wie mein Körper von Natur aus aussieht. Denn das macht mich nicht aus. Ja, ich habe sehr kleine Brüste. Ja, ich habe ein bisschen Bauchspeck. Und ja, ich habe auch Körperhaare. Es ist allein meine Entscheidung was ich mit meinen Bein-, Achsel- und Schamhaaren mache und da hat sich niemand einzumischen. Weil ich eine erwachsene, mündige Frau bin. Ich bin stolz so zu sein wie ich bin und ich möchte meinen Körper nicht länger verstecken oder künstlich verändern, um mich an die Ideale der Gesellschaft anzupassen.  
Wie denkt ihr darüber? Hinterlasst mir doch gerne Kommentare, ich würde mich sehr darüber freuen. Desweiteren zeige ich euch noch einige Fotos mit dem Hashtag lesprincessesontdespoils, darunter auch meine eigenen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich über eure Ideen/Meinungen/Reaktionen. Kritik gerne - ich will meinen Blog ja schließlich auch verbessern, aber bitte nur begründete (nicht einfach grundlos beleidigen etc. - auch wenn das bis jetzt noch nie vorkam - ihr seid toll <3 )!